Markus Josef Klein, Ernst von Salomon. Revolutionär ohne Utopie

Eine politische Biographie mit einer vollständigen Bibliographie. Mit einem Vorwort von Armin Mohler

von Markus Josef Klein


Paperback, 384 Seiten, zahlr. Abb.

Ernst von Salomon ist mit seinem Werk aus der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts nicht wegzudenken – auch wenn es heute als wenig opportun gilt, an ihn zu erinnern. Bereits mit seinem ersten Buch „Die Geächteten" sorgte der blutjunge Freikorpskämpfer für Aufsehen und bestach durch seine besondere literarische Note. Es ist der Rechenschaftsbericht eines von der Revolutionszeit nach dem 1. Weltkrieg geprägten Nationalisten. Salomon, 1902 im damals preußischen Kiel geboren, war Kadett in Karlsruhe und Berlin-Lichterfelde, kämpfte Anfang 1919 als Freiwilliger im Landesjägerkorps „General Maercker" während des Spartakusaufstandes in Berlin und nahm an der Sicherung der Weimarer Nationalversammlung teil. 1919 kämpfte er im Freikorps des Hauptmanns Liebermann im Baltikum und 1921 im Freikorps Wolf in Oberschlesien.

Nach der Auflösung des Freikorps 1920 war er Mitglied der „Organisation Consul" und beteiligte sich am tödlichen Attentat auf den Außenminister Walther Rathenau am 24. Juni 1922. Wegen Beihilfe zu fünf Jahren Zuchthaus und zu weiteren fünf Jahren Ehrverlust verurteilt, was sich 1927 durch eine weitere Verurteilung wegen eines Fememordversuches noch erhöhen sollte, war die Zelle gleichwohl fruchtbar für ihn geworden. Hier löste er sich von den völkischen und ideologischen Verblendungen, begann durch eifrigstes Lesestudium und durch erste Niederschriften die Dinge in der Tiefe zu erfassen. Weihnachten 1927 aufgrund einer Amnestie freigelassen, stieß er unmittelbar in Berlin zum „Salon Salinger" (Albrecht Haushofer, Hans Zehrer, Erwin Topf, Friedrich Hielscher u.a.) und in die Kreise des „Neuen Nationalismus", wurde Schriftleiter des „Vormarsch" und geriet über seinen Bruder Bruno in die revolutionär-romantische Schleswig-Holsteinische Landvolkbewegung.

Eigentlich war es eine Flucht aus der geistigen Selbstbefriedigung, weg von den Verschwörungen am Teetisch, die Ernst von Salomon dorthin trieben. Mit dem Versuch eines attentatsähnlichen Bombenanschlags auf den Reichstag im September 1929 fand auch diese Episode ihren Abschluß. Von September bis Dezember 1929 in Moabit inhaftiert, schrieb Ernst von Salomon unter hartnäckigem Zusetzen von Ernst Rowohlt, der in Salomon den künftigen Erfolgsautor witterte, sein erstes Buch: „Die Geächteten". Virtuos beschreibt er die politischen Wirren seiner Zeit, die er als »Romantiker im Stahlhelm« tatkräftig mitgestaltete. Diese Autobiographie, „die zugleich so etwas wie eine Selbstbiographie der ganzen Zeit ist" (Paul Fechter), verdiente, wie Ernst Jünger in einer Besprechung schrieb, schon deshalb gelesen zu werden, „weil es das Schicksal der wertvollsten Schicht jener Jugend, die während des Krieges in Deutschland heranwuchs, erfaßte."

Ernst von Salomon hatte bis 1933 nahezu alle Strömungen des aktivistischen Nationalismus durchdacht und verworfen, durchlebt, verteidigt und wieder in Frage gestellt. Wie Ernst Jünger ließe sich auch Ernst von Salomon mit dem Etikett des »konservativen Anarchisten« charakterisieren. Gegen Liberalismus und Republikanismus engagiert, brachte ihn seine Haltung zugleich aber auch in Distanz zu den Nationalsozialisten. Nachdem die NSDAP bemüht war, eine Stringenz zwischen sich und den Freikorps zu apologetisieren, war es von Salomons vordringliches Anliegen, den Verfälschungen in der Geschichtsschreibung des Nachkrieges entgegenzuwirken. So entstanden seine beiden Bücher „Nahe Geschichte" und das monumentale „Buch vom deutschen Freikorpskämpfer" als Korrektive der NS-Geschichtsklitterung. Aus der unpolitischen Rolle eines Nichtbeteiligten richtete er seine künstlerische Aktivität während der Kriegsjahre unter Vermittlung Arnolt Bronnens auf seine Tätigkeit als Drehbuchautor für Unterhaltungsfilme bei der UfA. Schwierigkeiten mit der NSDAP gab es wegen seiner jüdischen Lebensgefährtin Ille Gotthelft, die er während des Dritten Reiches als seine Ehefrau ausgab, und nur seine Verbindungen zu alten Putschkameraden, die anders als er in einflußreiche Stellungen gelangt waren, erlaubte es ihm auch Gefährdeten zu helfen. Der Nationalsozialismus war für ihn – und Hitler voran – „der größte Verfälscher der deutschen Geschichte". Salomons und seinesgleichen Dilemma aber bestand darin, daß der Krieg aber auch ein deutscher Daseinskampf war und nicht nur rassenideologische Züge trug. So mußten sie zwangsläufig wieder in die Phalanx der nationalsozialisitsch verfälschten deutschen Schicksalsgemeinschaft einscheren, zumal sie von diesem Krieg eine tragende europäische Ordnung erhofften, frei von jenem so unglückseligen Imperialismus der kontinentalfremden angelsächsischen Mächte. Erst 1944 sollte dieser Schulterschluß endgültig aufbrechen.

Daß die Sieger des Weltkrieges diese Verfälschung der deutschen Nation und ihres Daseinsanspruches nur zu gerne aufgriffen und darüber die deutsche Identität zu zerstören suchten, sollte ihn nach seinem „automatic arrest" von Mai 1945 bis September 1946 unverzüglich zum Kampf um deutsches Subjektbewußtsein treiben. Schon in amerikanischer Kriegsgefangenschaft hatte er wieder zu schreiben begonnen. Mit seinem autobiographischen Roman „Der Fragebogen" gelang es ihm, nochmals die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen, als ihn die Versuche der amerikanischen Militärregierung, die deutsche Bevölkerung mittels eines Katalogs von 131 Fragen hinsichtlich nazististischer Aktivitäten und Verstrickungen zu durchleuchten, zu einem autobiographischen Rückblick auf sein Leben inspirierten. Gerade dieser Zynismus, die letztlich amoralische und nivellierende Darstellung des Unrechts und das Wichtignehmen der eigenen Leiden bei gleichzeitiger Unempfindlichkeit gegenüber dem Schicksal anderer trugen Salomon scharfe Kritik ein. Dennoch wurde sein Werk in fast alle europäischen Sprachen übersetzt.

Über den „Fragebogen" hinaus noch bemühte sich Ernst von Salomon um Überwindung der ideologischen Weltbürgerkriegsfronten, die die Deutschen so unmittelbar spalteten. Dieses Engagement, u.a. in den Reihen der aufkommenden und damals noch nicht eindeutig gesellschaftspolitisch orientierten Friedensbewegung, im Demokratischen Kulturbund Deutschland und für die Deutsche Friedens-Union, sich äußernd in demonstrativen Verlautbarungen gegen die totalitäre Staatsräson des Antikommunismus, für Stalin und gegen eine deutsche „Wiederbewaffnung", brachte ihm selbst Urteile und Verurteilungen ein, die von Unverständnis strotzten und ausschließlich vom geistigen Verharren der Deutschen in den durch die Sieger vorgegebenen Begriffs- und Identitätssystemen zeugten. Von „Nationalbolschewismus" bis hin zum „German enemy of Germany" reichte die Spannweite der Urteile, und immer wieder nahm ihn die eine oder die andere Partei in Beschlag, berief sich auf ihn als Zeugen und Mitstreiter, während die andere ihn verdammte. Nur seine tatsächliche Identität als unideologisch bestimmter Deutscher wollte oder sollte nicht ins Bewußtsein gelangen. Sein Erfolg, auch der des „Fragebogens", blieb ein literarischer.

Daß er sich als Schriftsteller und Drehbuchautor durch Trivialitäten seinen Lebensunterhalt und den seiner 1948 gegründeten Familie sichern mußte, wurde ihm zudem – vor allem von seinen ehemaligen intellektuellen Bewunderern – noch verübelt. So entstanden als Auftragsarbeiten nicht nur seine – oftmals vielbelächelten – Drehbücher, sondern auch solche Arbeiten wie „Die schöne Wilhelmine", ein Kolportagehistorie, die gleichwohl immensen Verkaufserfolg erzielte. Mit Veröffentlichungen im Zusammenhang mit seiner Bemühung um deutsche Selbstbehauptung war mit zunehmendem Alter der Bundesrepublik indes kein Geld mehr zu verdienen. Je weiter die um die Jahrhundertwende geborene Generation von der Bühne abtrat, desto geringer wurde der Bedarf und das Verständnis für solche Bemühungen. Spätestens 1968 war Ernst von Salomon zum lebenden und unverstandenen Fossil geworden, selbst für seine eigenen Nachkommen. Am 9. August 1972 starb er in Stöckte (Winsen/Luhe).

Inhaltsverzeichnis:

1. Vorwort von Armin Mohler
2. Einleitung
2.1 Identität der Deutschen
2.2 Die Bedeutung Ernst von Salomons
2.3 Methodische Vorbemerkungen
3. Biographie
3.1 Zwischen zwei Ordnungen
3.1.1 Familie und Kindheit
3.1.2 Kadettenkorps
3.2 Kampf um das Reich
3.2.1 Der Weg in die Freikorps
3.2.2 Baltikum
3.2.3 Kapp-Putsch
3.2.4 Kampf an der Ruhr
3.3 Widerstand und Exzeß
3.3.1 „Organisation Ehrhardt"
3.3.2 Oberschlesien
3.3.3 Die Folgen von Oberschlesien
3.3.4 Phantasten der Tat
3.3.5 Das Rathenau-Attentat
3.3.6 Prozeß, Haft und Reife
3.4 Neuer Nationalismus
3.4.1 Zugang zu den Nationalistenkreisen
3.4.2 Nationale Romantik
3.4.3 Landvolkbewegung
3.4.4 Suche nach dem Standort
3.4.5 „Emigration"
3.5 Im „Inneren Reich"
3.5.1 Zwischen Geschichte und Gegenwart
3.5.2 Unzeitgemäßer Individualismus
3.5.3 Nationalismus statt Nationalsozialismus
3.5.4 Ambivalenz und Zwiespalt
3.6 Zwischen den Blöcken
3.6.1 automatic arrest
3.6.2 Der Fragebogen 
3.6.3 Zwischen „Ost" und „West"
3.6.4 Um deutsches Subjektbewußtsein
3.6.5 Gegen den Zustand der Lethargie
4. Bibliographie 
5. Anhang
6. Literaturverzeichnis